Sonntag, 23. November 2014

Für Kinder in Nepal

Einen Monat als Freiwilliger in einem Kinderheim in Nepal. Meine einleitenden Gedanken...
 
Rubin und Daniyal verehren Messi und Neymar. Der Bollywood Schauspieler Salman Khan ist ein grosser Star hier. Doch Bishal kennt Rihanna nicht, Rohit fragt mich ob James Bond ein Sänger sei und den Namen Brad Pitt hat noch keiner gehört… Fernab jeglicher Einflüsse aus Hollywood ziehen David und Mariya im christlichen Glauben neun Buben und sechs Mädchen gross. Die zwei jüngsten, Demisha (6) und Dan (3), sind ihre eigenen Kinder.
 
Die Kinder meiner Gastgeber, Demisha und Dan, gehen täglich in den Kindergarten

Zwei Mal täglich wird gebetet; im streng christlichen
Glauben ziehen David und Mariya ihre Kinder gross

Die anderen Kinder sind zwischen 11 und 15 Jahre alt und haben teils bewegende Geschichten hinter sich. Als der damals noch unverheiratete David im 2005 die ersten Strassenkinder aufnahm, herrschte Krieg in Nepal und viele Kinder verloren ihre Väter. Die aus europäischer Sicht diskriminierenden Sitten des hinduistischen Glaubens verunmöglichen es alleinstehenden Müttern in Würde ihre Kinder grosszuziehen. So landeten schon damals viele Kinder auf der Strasse oder in der Zwangsarbeit. Kinderarbeit ist bedauerlicherweise auch heute noch ein grosses gesellschaftliches Problem in Nepal. Unlängst wurde ein 11-jähriger Junge von David und Mariya vor der Kinderarbeit gerettet und in ihrem Heim aufgenommen.
Der Zweck des Aufbaus eines Kinderheims ist, unversorgten Kindern und Jugendlichen ein Zuhause zu geben, sie mit Nahrung zu versorgen und ihre Schulbildung zu gewährleisten. Genau mit diesem Hintergrund kümmern sich David und Mariya täglich um das Wohl von 15 Kindern. Unterstützt werden sie von inzwischen über 30 Freiwilligen, die in den vergangenen Jahren ihr Heim besucht haben. Ich habe in den letzten drei Wochen, die ich mit David und seiner Familie gelebt habe, grossen Respekt und viel Anerkennung für sein Engagement gewonnen.

Familiärer Zusammenhalt, Toleranz und Nächstenliebe; erste Eindrücke aus Kathmandu und dem Zusammenleben mit Davids Familie
Am 01.11.2014 wurde ich von Davids Schwager Ramesh am Flughafen abgeholt und in den ruhigen, etwas abgelegenen Stadtteil Dhapasi gebracht. In Dhapasi leben David und Mariya mit ihrer Familie, zu welcher neben den eigenen Kindern auch die dreizehn Kinder im Heim gehören.  Kathmandu ist wie die meisten asiatischen Grossstädte hektisch. Auf den Strassen wird kräftig gehupt und gedrängelt und es ist dreckig und staubig. Die Autos sind mehrheitlich Kleinstwagen indischer Manufaktur, die sich andauernd mit den zahlreichen Motorrädern und Minibussen um die beste Spur streiten.
Am Folgetag kam Angela in Kathmandu an, mit der ich die kommenden Wochen in der Hauptstadt Nepals leben würde.

Blick auf Kathmandu vom Dach des Kinderheims aus

Mit Angela und David über den Dächern Kathmandus
 
Meine ersten Eindrücke in Davids Kinderheim waren überwältigend. Familiärer Zusammenhalt, Toleranz und Nächstenliebe werden hier gross geschrieben und an der vorbildlichen Erziehung der Kinder können sich so manche westlichen Familien eine Scheibe abschneiden. Die Kinder helfen allesamt im Haushalt mit beim Kochen, saubermachen, Einkaufen und gemault wird dabei nie.
Als ich den Kindern am ersten Abend ein Spiel auf meinem Tablet spielen liess, waren die älteren Jungs besorgt, dass auch die jüngeren zum Zug kamen. Wenn es sechs Mal die Woche um 09:30 zur Schule geht, sind ausnahmslos alle um 09:25 bereit um loszumarschieren. Am Abend nach der Schule und morgens vor dem reichhaltigen Frühstück bzw. Mittagessen machen die Kids gemeinsam Hausaufgaben und helfen sich dabei gegenseitig.
 
Angela mit den Mädchen in ihren Schuluniformen

Auch die Jungs sind pünktlich bereit für die Schule

Gut gelaunt machen sich die Kinder in
ihrer Sportuniform auf den Schulweg

Zu Essen gibt es zwei Mal täglich Linsensuppe mit Reis – das nepalesische Nationalgericht Dal Bhat - und etwas Gemüsecurry, am Samstag dem freien Tag kocht Mariya zumeist noch ein wenig Hühnerfleisch dazu. Der Essensrhythmus ist für Europäer etwas gewöhnungsbedürftig. So wird jeweils um 9 Uhr morgens vor dem zur Schule gehen und am 8 Uhr abends vor dem zu Bett gehen (21:30 ist Bettruhe) gegessen. Dies hat einen kulturellen Hintergrund, da in Nepal die Leute traditionell in der Landwirtschaft arbeiten und während dem Tag auf dem Acker/Hof beschäftigt sind. So bleibt tagsüber keine Zeit für das Essen und die nötigen Kalorien werden am Vormittag eingenommen.

Die Kinder haben sowohl beim "Mittagessen" als auch beim Abendessen sehr grossen Appetit. Meine Portionen entsprächen in etwa denjenigen eines dreijährigen Kindes, scherzten sie. Um etwas Abwechslung in den Menuplan zu bringen, kochten Angela und ich einige Male für die Kinder und einmal besorgten wir zur grossen Freude aller Pizza. Beim ersten Mal mussten wir die Kids noch leicht hungrig zu Bett gehen lassen, für das nächste Mal waren wir gerüstet und kauften die doppelte Portion Pasta und Tomatensauce ein.

Schon um neun Uhr Morgens stärken sich die
Kinder mit einer grossen Portion Reis für den Schultag

Einen grossen Topf gefunden und
für die Familie am Pasta zubereiten

Auch Pasta schmeckt den Jungs und Mädchen
und es wird immer alles aufgegessen

Schulbesuch, Wohnung einrichten und die Kinder einkleiden; Regelmässigkeiten und Besonderheiten in unserem Alltag in Kathmandu

Für Angela und mich war es ein wenig eine Reise ins Ungewisse. Würden wir in der Kinderbetreuung tätig sein? Würden wir die Möglichkeit haben, in der Schule zu unterrichten? Würden wir uns um Strassenkinder kümmern? Wir liessen es gerne auf uns zu kommen, was genau der Inhalt unserer Tätigkeit in Kathmandu sein würde.
Es stellte sich heraus dass wir die meiste Zeit bei David und seiner Familie im Kinderheim verbringen würden. David liess uns viele Freiheiten, so blieb uns ebenfalls Zeit für Sightseeing und Ausflüge innerhalb von Nepal, welches landschaftlich und kulturell viel zu bieten hat (da dieser Blog ganz den Kindern gewidmet ist, werde ich im nächsten Blog hiervon berichten).
Unsere Arbeit suchten wir uns zumeist selbst. Wir begleiteten die Kinder morgens zur Schule, machten mit ihnen Hausaufgaben, erledigten kleinere Aufgaben und schauten zum Haus wenn David und Mariya weg waren. Zudem widmeten wir unsere Zeit dazu, die Einrichtung des Hauses aufzumöbeln und die Kids neu einzukleiden. In der Schweiz hatten wir bereits Kleider gesammelt, welche die Kinder mit grosser Freude entgegen nahmen. Zudem gingen wir mit ihnen zum Schneider und ins Kleidergeschäft, um neue Schuluniformen und Schuhe zu besorgen.


Mein erster Schulbesuch bei den Zweit- und Drittklässlern

Die Erstklässler winken uns freundlich zu

Die Kinder reissen sich um unsere mitgebrachten Kleider;
auch hier schauen sie selbstständig dass keiner zu kurz kommt


Rosan, Ananti und Pabitra freuen sich, mit uns
neue Schulkleider einkaufen zu gehen

Für Rubins Geburtstag organisierten wir eine Torte und Wunderkerzen
 
Die Kinder haben einen geregelten Alltag. Aufstehen, beten, Hausaufgaben machen, Mittagessen, Schule, Hausaufgaben machen, Abendessen, Freizeit bis zur Nachtruhe; und dies sechs Tage die Woche. Am freien Samstag müssen die Kleider gewaschen werden, die wöchentliche Dusche ist angesagt und es gibt vormittags Messe und am Mittag Religionsunterricht. Am Samstagnachmittag gibt es dann Gelegenheit für Spiele, was besonders den jüngeren Kindern viel Spass bereitet. Doch Ananti gefällt die Freizeit nicht, sie geht lieber zur Schule und freut sich bereits auf Sonntag. Sie hat einen Schulschatz, was die Vorfreude auf den Schulbeginn bestimmt vergrössert ;-) Doch generell freuen sich die Kinder hier, jeden Morgen zur Schule zu gehen, ihre Kameraden zu sehen und etwas zu lernen. Sie wissen den Luxus zu schätzen, der ihnen das Leben in Davids Familie bietet. Eine abgeschlossene Schulbildung an einer guten Schule, bei uns so selbstverständlich, ist hierzulande nach wie vor ein Luxus…

Abends dürfen die Kinder im Zimmer von David und Mariya eine Stunde Fernsehen

Ich zeigen den jüngeren Buben ein paar lustige Videos

Ich helfe Rosan beim Puzzlen

Der Traum vom eigenen Heim
Vor neun Jahren hat David die ersten zwei Kinder bei sich aufgenommen. Der inzwischen zum stattlichen Teenager gereifte Sujan erzählt mir, wie sein Vater ins Ausland ging um zu arbeiten und nicht mehr wieder kam. Sein älterer Bruder hat inzwischen die Schulbildung abgeschlossen, das Kinderheim verlassen und er lernt koreanisch um sich aufs Auswandern vorzubereiten. Jobmöglichkeiten gibt es in Kathmandu nur ganz wenige. Auch Sujan träumt deshalb vom Auswandern, sobald er in rund zwei Jahren seine Schulbildung abgeschlossen haben wird. Das Engagement und das gute Herz von David macht es ihnen möglich, derart grosse Pläne schmieden zu dürfen.
Als alles begann war David noch Junggeselle, inzwischen ist er glücklich mit Mariya verheiratet und hat zwei eigene Kinder. Er hat die registrierte Non-Profit Organisation Himalayan Foundation Nepal (HFN) gegründet, mit welcher er neben dem Kinderheim unter anderem auch Projekte in der Landwirtschaft, bei der Betreuung von Strassenkindern und der Missionierung des christlichen Glaubens betreut. Vorrangig möchte sich die junge Familie weiterhin im Kinderheim um das Wohl von Waisen- und Strassenkindern kümmern. Um die Nachhaltigkeit des Projekts zu sichern, hat David den Plan geschmiedet, Land zu kaufen und ein eigenes Heim für seine Kinder zu bauen. Zur Finanzierung dieses Plans hat er eine Spendenaktion gestartet und ich möchte meinen Bloglesern gerne nahelegen, seine Seite anzuschauen.


Die Kinder posieren am Ort wo das neue Heim entstehen wird

Es bleiben mir noch einige Tage in Kathmandu, ehe meine Reise weitergeht. Schon jetzt weiss ich, dass ich David und seine Familie gerne wieder besuchen würde, hoffentlich das nächste Mal in ihrem eigenem Heim. Persönlich war die Erfahrung der letzten Wochen für mich sehr bereichernd. Ich habe eine Kultur kennen gelernt, in welcher Ehrlichkeit und Hilfsbereitschaft gross geschrieben werden. Das Leben wirkt hier idyllisch und sorgenfrei. Die Kinder lernen das Familienleben und entwickeln einen starken Zusammenhalt und Nächstenliebe. Dies wird für mich unter vielen schönen Erinnerungen der positivste Eindruck vom Leben im Kinderheim bleiben.

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